Der ehemalige Steinbruch am Greifenberg

FFH- und Vogelschutzgebiet (grün), das NSG ist nördlich des Steinbruchs

Außergewöhnliche Natur an der B8 zwischen Mariaort und Etterzhausen

Am 14. August 2002 entschied das Verwaltungsgericht in Regensburg nach einer Klage des Eigentümers und Betreibers, dass die Brech- und Klassieranlage im Steinbruch an der B8 zwischen Mariaort und Etterzhausen unverzüglich still zu legen ist, da sie bereits seit einigen Jahren ohne Genehmigung betrieben wurde. Ende Oktober war dann endgültig Schluss. Der 15 Hektar große Dolomit-Steinbruch wurde endlich geschlossen. Zurückgelassen hat man das Bürogebäude und eine riesige Stahlkonstruktion sowie eine acht Meter dicke Schicht von Schutt und Baggergut, mit dem ein Loch, fast so groß wie der gesamte Steinbruch, bis auf normales Niveau aufgefüllt worden war. Alles steht heute fast noch so wie damals. Lediglich das Bürogebäude und etwa ein Sechstel der Brech- und Klassieranlage wurde abgebaut, obwohl der komplette Abbau bereits vor über zehn Jahren durch rechtskräftige Bescheide des Landratsamtes angeordnet wurde. Der Landrat setzt seine eigenen Anordnungen nicht um.

Nordwand, hier brütete bereit drei Mal hintereinander das Uhu-Pärchen

Seit der Stilllegung holt sich die Natur den Steinbruch zurück. Unmittelbar angrenzend umschließt ihn an drei Seiten das Naturschutzgebiet Greifenberg und Waltenhofer Hänge. Ein Glücksfall, denn um so schneller gewinnen Pflanzen und Tiere in dieser riesigen Öffnung im Berg wieder die Oberhand, und das, wie wir sehen, in grandioser Weise.

Heute, nach nicht einmal zehn Jahren, entwickelt sich diese riesige Wunde im Greifenberg zu einem Biotop, das sich in einigen Jahren zu einem der interessantesten und vielfältigsten Lebensräume im Landkreis Regensburg entwickeln wird.

Der Steinbruch ist Privateigentum und das Betreten durch einen Zaun und eine Toranlage verwehrt. 2009 wollte Landrat Herbert Mirbeth die Kompostanlage in Pollenried, die sich zu nahe an einem neu geplanten Wohngebiet befand, in den still gelegten Steinbruch verlegen. Die BN-Ortgruppe protestierte massiv gegen dieses Vorhaben, da der ehemalige Steinbruch schon seit einiger Zeit FFH- und europäisches Vogelschutz-Gebiet war und ein Kompostplatz durch den Sameneintrag fremdländische Pflanzen das Naturschutzgebiet unwiderruflich zerstört hätte.

Um zu beweisen, dass eine Kompostanlage dort doch möglich wäre, ließ Mirbeth 2009 von einem, Gott sei Dank, unabhängigen Büro für ökologische Planung, eine so genannte Spezielle Artenschutzrechtliche Prüfung erstellen mit einem für den Landrat ernüchternden Ergebnis. Der Steinbruch sei völlig ungeeignet für eine Kompostanlage, stellten die Biologen fest, denn bereits sieben Jahre nach der Stilllegung hatte sich eine derartige Vielfalt von Pflanzen und Tieren an dieser Stelle nieder gelassen, dass selbst Experten ins Staunen gerieten.

Aufgrund dieser über eine ganze Vegetationsperiode vom Vorfrühling bis zum Spätherbst umfassenden Bestandsaufnahme wissen wir heute sehr gut über dortige Flora und Fauna im Bescheid, vor allem über die erstaunliche Vogelpopulation.

Der weitgehend ebene, cirka 10.000 Quadratmeter große Boden des ehemaligen Steinbruchs hat allerdings vorerst noch wenig zu bieten. Der Kalkstein wurde bis in acht Meter Tiefe abgebaut. Später hat der Betreiber dieses Loch mit Fremdmaterial aufgefüllt und es wird noch einige Jahre dauern, bis Pionierpflanzen die Voraussetzung für das Einwandern von anderen Gesellschaften entwickeln. Das nahen Naturschutzgebiet trägt jedoch in idealer Weise dazu bei, diesen Vorgang zu beschleunigen. In der Mitte dieser Ebene haben sich einige Tümpel gebildet, in dem BN-Mitglieder bereits die kleine, aber sonst seltene Gelbbauchunke gesichtet haben, eine Pionierart, die heute oft nur noch in neu geschaffenen, künstlichen und später still gelegten Lebensräumen anzutreffen ist.

Gelbbauchunke im neu entstanden Feucht-Biotop

Im Gegensatz zur Ebene finden wir in der steilen Kalksteinfelsen ein wahres Vogelparadies. Durch seine besondere Vielfalt an Lebensräumen bietet der Steinbruch mit seinen zahlreichen Felskaskaden in der Wand, den Kleingewässern am Boden und den verschiedenartigen Vegetationsausbildungen auch vielen anderen Rote-Liste-Vogelarten ein ideales Refugium.

Insgesamt konnten auf dem Areal 56 Vogelarten festgestellt werden. Graureiher und Knäkente sind als Nahrungsgäste einzustufen. Der Baumfalke wurde zur Zugzeit beobachtet, könnte im Gebiet aber durchaus Brutvogel sein. Die Hohltaube wurde bis heute nur im Überflug beobachtet, könnte aber ebenfalls in den angrenzenden Buchewäldern brüten. Alle anderen 52 Vogelarten sind wahrscheinliche oder sichere Brutvögel des Steinbruchs und seines unmittelbaren Umgriffs. Alle diese Brutvogelarten sind gefährdet und über die EU-Vogelschutzrichtlinien streng geschützt.

Hier nur einige Beispiele:

In den sich in den Randbereichen entwickelnden Sträuchern mit verschiedenen Wildkräutern findet zum Beispiel der Bluthänfling günstige Brut- und Nahrungshabitate. Dem ebenfalls beobachteten Grünspecht, der sich häufig und geschickter als die anderen Spechte am Boden bewegt, wodurch er auch als „Erdspecht“ bekannt ist, stehen durch das Mosaik von Offenbodenflächen mit einem hohen Angebot an Wiesenameisen günstige Nahrungshabitate zur Verfügung. Der Kleinspecht und der Mittelspecht nutzt das große Totholzangebot der nahen Buchenwälder.

Der Pirol, ebenfalls eine in Deutschland besonders geschützte Art, findet ein ausgezeichnetes Nahrungsangebot von Großinsekten in den warmen Kalksteinfelsen. Er brütet in den unmittelbar angrenzenden Laubwäldern des Steinbruchs. 

Der Pirol (franz. Loriot) wurde beobachtet

Und dann, vor fast drei Jahren, gab es eine Überraschung, mit der so schnell selbst Experten nicht gerechnet hatten. Franz Wartner, Vogelkundler, BN-Mitglied und Schriftführer im Vorstand der Kreisgruppe Regensburg, entdeckte im Frühjahr 2009 ein Uhupärchen, das hoch in der Wand drei Junguhus großzog.

Die riesige Wand des Steinbruchs ist ein besonders günstiger Brutplatz sowohl für den Uhu, als auch den Wanderfalken. Die steile Felsausbildungen der Wand, unzugänglich für Nesträuber wie Fuchs und Marder, bieten ideale Brutmöglichkeiten für beide Vogelarten. Die nahe Naab mit ihren zahlreichen Wasservögeln stellt zudem ein gutes Jagdgebiet dar.

Offensichtlich hat das Uhupärchen einen idealen Platz gefunden, denn es hat auch 2010 und 2011 gebrütet und wieder erfolgreich Junguhus großgezogen.

Mit einer durchschnittliche Körpergröße von fast 70 Zentimeter und einer Spannweite von 1,7 Meter ist der Uhu die größten Eulenart der Welt. Seit 2009 bieten die Gemeinde Pettendorf diesem außergewöhnlichen Vogel ein Zuhause.

Der Wanderfalke, der schnellste Vogel der Welt, der auch einmal in unserer Gegend lebte und wie der Uhu schon vor einigen Jahrzehnten ausstarb, wurde im Überflug beobachtet. Vogelkundler erklärten mir, dass Uhu und Wanderfalke nicht in unmittelbarer Nähe brüten. Beide Vogelarten versucht man wo anders mit großem Aufwand wieder einzubürgern. Aber die Wand ist riesig. Vielleicht findet auch ein Wanderfalkenpärchen dort ein Plätzchen.

Der Uhu fühlt sich im ehemaligen Steinbruch recht wohl

Fast zwanzig Jahre kämpfte die BN-Ortsgruppe gegen den oft nicht genehmigte fortwährende Erweiterung des Kalksteinabbau.  und gegen die ständig beabsichtigten Erweiterungen im diesem 15 Hektar großen Steinbruch. Ziel war es immer, das unmittelbar angrenzende Naturschutzgebiet Greifenberg zu retten. Seit der Stilllegung aber ergeben sich außergewöhnliche und neue Perspektiven oder mit anderen Worten: Diese ehemalige Wunde am Greifenberg ist heute schon eines der erstaunlichsten Biotope im Landkreis Regensburg.

Soweit es uns der Eigentümer erlaubt, bietet die Ortsgruppe jedes Jahr im Juni, wenn die Diptamwiese im NSG besonders prächtig blüht, eine Exkursion in den Steinbruch an.
Stand Okt 2011